Nach der Entnahme einer Hautprobe hört man oft den Satz:
„Das schicken wir jetzt in die Pathologie.“
Und dann?
Verschwindet das Muttermal offenbar in einem geheimnisvollen schwarzen Loch und einige Tage später taucht wie durch Zauberei ein Befund auf.
Ganz so einfach ist es natürlich nicht.
Bis eine Hautprobe unters Mikroskop kommt, hat die Probe eine erstaunlich lange Reise hinter sich.
In diesem Beitrag zeige ich einmal Schritt für Schritt, was zwischen „Das schneiden wir lieber raus“ und „Die Diagnose lautet …“ tatsächlich passiert.
Und weil ich solche Dinge bekanntermaßen gerne selbst auseinandernehme und unter das Mikroskop lege, habe ich den Weg einer Hautprobe fotografisch dokumentiert.
Schritt 1: Die Hautveränderung wird entfernt
In unserem Beispiel handelt es sich um ein etwas unregelmäßig gefärbtes Pigmentmal, das klinisch auffällig erschien und deshalb sicherheitshalber entfernt werden sollte.
Zunächst wird die Haut desinfiziert und lokal betäubt.
Dann wird die Hautveränderung mitsamt einem kleinen Saum umgebender Haut herausgeschnitten. Bei pigmentierten Läsionen erfolgt dies in der Regel als sogenannte Exzisionsbiopsie, wenn Größe und Lokalisation das sinnvoll zulassen.
Die entstandene Wunde wird anschließend vernäht.
Je nach Körperregion verwendet man unterschiedliche Nahttechniken. Bei sehr dünner Haut – beispielsweise am Augenlid oder im Gesicht – arbeiten wir entsprechend feiner als am Rücken.
Das Ziel ist dabei immer dasselbe:
Die Haut soll anschließend möglichst ordentlich wieder zusammenfinden.
Denn auch wenn wir Dermatologen gerne schneiden: Hinterher soll man davon möglichst wenig sehen.
Schritt 2: Ab ins Formalin
Damit das entnommene Gewebe nicht beginnt, sich selbst zu zersetzen, muss es möglichst rasch fixiert werden.
Dazu kommt die Probe normalerweise in neutral gepuffertes Formalin.
Formalin enthält Formaldehyd und sorgt dafür, dass Eiweiße miteinander vernetzt und die Gewebestrukturen dadurch konserviert werden. Außerdem werden eventuelle Keime abgetötet.
Vereinfacht gesagt:
Wir halten die Haut in dem Zustand an, in dem sie sich zum Zeitpunkt der Entnahme befand.
Das ist wichtig, denn unter dem Mikroskop möchte ich später natürlich erkennen können, wie die Zellen angeordnet waren, wie ihre Zellkerne aussahen und ob bestimmte Strukturen verändert waren.
Die Probe bleibt abhängig von Größe und Beschaffenheit ausreichend lange in der Fixierlösung. Bei einer kleinen Hautprobe sind dies üblicherweise 6 Stunden.

Schritt 3: Jetzt bekommt das Präparat Farbe – allerdings außen
Bevor das Gewebe weiterverarbeitet wird, muss es zunächst makroskopisch beurteilt werden.
Das nennt man Zuschnitt oder makroskopische Aufarbeitung.
Dabei wird das Präparat vermessen, beschrieben und so zugeschnitten, dass später möglichst genau beurteilt werden kann, was wo liegt.
Bei operativ entfernten Hautveränderungen interessiert uns beispielsweise häufig:
Ist die Veränderung vollständig entfernt worden?
Dazu müssen wir wissen, wo sich die seitlichen und tiefen Schnittränder befinden.
Diese Resektionsränder können deshalb mit spezieller Gewebefarbe beziehungsweise Tusche markiert werden.
Diese schwarze Farbe ist später auch unter dem Mikroskop noch erkennbar.
Und plötzlich bekommt eine scheinbar banale schwarze Linie erhebliche Bedeutung.
Denn wenn Tumorzellen direkt bis an diese Tusche heranreichen, wissen wir:
Hier reicht die Veränderung bis an den chirurgischen Schnittrand.
Dann war sie möglicherweise nicht vollständig entfernt.

Schritt 4: Der Zuschnitt
Nun wird das kleine Stück Haut weiter zerlegt.
Und hier beginnt ein Teil der Arbeit, den man sich als Patient vermutlich selten vorstellt.
Das Präparat wird mit einem sehr scharfen Messer in geeignete Scheiben beziehungsweise Abschnitte geschnitten.
Bei einer spindelförmigen Hautexzision können beispielsweise die beiden Enden – die sogenannten Spindelspitzen – separat eingebettet werden, während der zentrale Anteil in weitere Scheiben zerlegt wird.

Anschließend kommen die einzelnen Gewebestücke in kleine Kunststoffbehälter, sogenannte Histokassetten. Hierbei werden üblicherweise die Spindelenden vom Restpräparat abgetrennt und in getrennte Histokassetten gelegt.

Das sieht ein bisschen aus wie Puppenhaus-Zubehör für Pathologen.
Hat aber einen sehr praktischen Sinn:
Jedes einzelne Gewebestück bleibt eindeutig einem Patienten und einer bestimmten Position im Präparat zugeordnet.
Und genau diese Orientierung kann später entscheidend sein.
Schritt 5: Aus weicher Haut muss ein schneidbarer Block werden
Nun haben wir allerdings ein Problem.
Haut ist weich.
Sehr weich.
Wenn ich versuchen würde, dieses kleine Stück Haut direkt in hauchdünne Scheiben zu schneiden, würde es sich verformen, zerreißen oder am Messer hängen bleiben.
Also muss das Gewebe zunächst stabilisiert werden.
Die Histokassetten werden hierfür über Nacht im Einbettautomaten mit Paraffin gefüllt.
Dafür wird dem Gewebe in einem Gewebeautomaten zunächst schrittweise das Wasser entzogen. Anschließend wird es mit einem Medium durchtränkt, das sich wiederum durch flüssiges Paraffin ersetzen lässt.
Am Ende befindet sich das Gewebe vollständig in Paraffin.
Das kann man sich tatsächlich ein bisschen so vorstellen, als würde man das kleine Hautstück in eine Kerze eingießen.

Am Ende befindet sich das Gewebe vollständig in Paraffin. Und jetzt haben wir endlich etwas, das sich ordentlich schneiden lässt.
Das kann man sich tatsächlich ein bisschen so vorstellen, als würde man das kleine Hautstück in eine Kerze eingießen.
Aber wie genau kommt die Hautprobe unters Mikroskop?

Schritt 6: Jetzt wird des wirklich dünn – Aufbringen der Hautprobe auf einen Objektträger
Von dem Paraffinblock werden am nächsten Tag mit dem Mikrotom extrem dünne (3-4 Mikrometer) Scheiben abgetrennt.
Wir reden hier von nur wenigen Mikrometern.
Ein Mikrometer ist ein Tausendstel Millimeter.
Anders gesagt:
Wenn Sie glauben, eine sehr dünne Scheibe Schinken geschnitten zu haben, sind wir im histologischen Labor noch in völlig anderen Dimensionen unterwegs.
Die entstehenden Paraffinschnitte werden auf ein Wasserbad gelegt, dort geglättet und anschließend auf einen Glasobjektträger aufgenommen.
Und plötzlich liegt das ehemalige Muttermal als wenige Mikrometer dünner Schnitt auf einem Stück Glas.
Das finde ich nach wie vor ziemlich faszinierend.
Schritt 7: Warum ist unter dem Mikroskop plötzlich alles rosa und blau?
Ungefärbtes Gewebe wäre unter dem normalen Lichtmikroskop ziemlich langweilig.
Viele Zellstrukturen unterscheiden sich optisch kaum voneinander.
Deshalb werden die Schnitte gefärbt.
Die Standardfärbung der Histopathologie ist die Hämatoxylin-Eosin-Färbung, kurz H&E.
Dabei färbt Hämatoxylin insbesondere Zellkerne blau-violett.
Eosin färbt viele andere Zell- und Gewebebestandteile in unterschiedlichen Rosa- bis Rottönen.
Das Ergebnis ist dieses typische histologische Farbbild, das man aus Lehrbüchern kennt:
blau-violette Zellkerne auf mehr oder weniger rosafarbenem Hintergrund.

Schritt 8: Und jetzt endlich Begutachtung der Hautprobe unter dem Mikroskop
Nach Desinfektion, Betäubung, Operation, Formalin, Tusche, Zuschnitt, Histokassette, Entwässerung, Paraffin, Mikrotom und H&E sind wir endlich an meinem Lieblingspunkt angekommen:
Das Präparat kommt unters Mikroskop.

Es gibt alleine an der Haut mehrere hunderte verschiedenene entzündlichen und bösartige Hauterkrankungen. Da kann man sich einmal vorstellen, wie viele Diagnose ein Pathologe kennen muss, um Proben aus sämtlichen Organen des menschlichen Körpers begutachten zu können. Als Dermatologin kann man die Zusatzbezeichnung Dermatopathologie erlangen, diese ist im Prinzip eine Schnittstelle aus Dermatologie und Pathologie und erlaubt, Hautpräparate zu befunden.

Nun wird zunächst mit kleiner Vergrößerung das gesamte Präparat betrachtet.
Das ist wichtig.
Man stürzt sich nämlich nicht sofort auf die auffälligste Zelle bei 600-facher Vergrößerung.
Zunächst möchte man wissen:
Wie ist die Haut insgesamt aufgebaut?
Wo liegt die Veränderung?
Ist sie symmetrisch?
Ist sie scharf begrenzt?
Welche Hautschichten sind beteiligt?
Wie verhält sie sich zu den Resektionsrändern?
Erst danach geht man zunehmend ins Detail.
Unter höherer Vergrößerung werden dann einzelne Zellverbände und schließlich einzelne Zellen beurteilt.
Wie groß sind die Zellkerne?
Sehen sie gleichförmig aus oder völlig unterschiedlich?
Gibt es Zellteilungen?
Wie sind die Zellen angeordnet?
Gibt es Entzündungszellen?
Melanin?
Verhornung?
Tumorzellen?
Und allmählich setzt sich aus vielen einzelnen Beobachtungen ein Gesamtbild zusammen.
Ein bisschen wie ein Puzzle.
Nur dass fehlende Teile gelegentlich darüber entscheiden, ob jemand noch einmal operiert werden muss.
Sieht man Krebs einfach unter dem Mikroskop?
Manchmal ja.
Manchmal überhaupt nicht so einfach.
Einige Hauttumoren besitzen ein sehr charakteristisches Erscheinungsbild.
Andere können ausgesprochen ähnlich aussehen.
Gerade bei pigmentierten Hautveränderungen gibt es ein breites Spektrum zwischen völlig harmlos und eindeutig bösartig – und dazwischen leider eine Menge Grau.
Deshalb besteht Dermatopathologie nicht daraus, unter das Mikroskop zu schauen und innerhalb von drei Sekunden „gutartig“ oder „bösartig“ zu rufen.
Man beurteilt zahlreiche Kriterien im Zusammenhang.
Auch Alter, Körperstelle, klinisches Aussehen und Fragestellung können wichtig sein.
Und gelegentlich braucht man zusätzliche Untersuchungen.
Wenn H&E nicht reicht: Immunhistochemie und weitere Untersuchungen
Die H&E-Färbung beantwortet erstaunlich viele Fragen.
Aber eben nicht alle.
Dann können zusätzliche Färbungen eingesetzt werden.
Bei der Immunhistochemie werden Antikörper verwendet, die bestimmte Proteine in den Zellen sichtbar machen.
Je nach Fragestellung können dadurch beispielsweise bestimmte Zelllinien besser identifiziert, Tumoren voneinander abgegrenzt oder weitere Eigenschaften einer Veränderung untersucht werden.
Und bei manchen Fragestellungen kommen inzwischen auch molekularpathologische beziehungsweise genetische Untersuchungen hinzu.
Das Mikroskop ist also nach wie vor mein wichtigstes Werkzeug.
Aber gelegentlich braucht selbst das Mikroskop Unterstützung.
Dermatopathologie: Dermatologie trifft Pathologie
Es gibt unzählige entzündliche und tumoröse Erkrankungen der Haut.
Und hier wird es für mich persönlich besonders interessant.
Dermatopathologie liegt genau an der Schnittstelle zwischen klinischer Dermatologie und Pathologie.
Als Dermatologin sehe ich zunächst den Patienten und seine Haut.
Wie sieht die Veränderung aus?
Wo sitzt sie?
Seit wann besteht sie?
Juckt sie?
Blutet sie?
Hat sie sich verändert?
Später sehe ich möglicherweise dieselbe Erkrankung noch einmal – nur diesmal als wenige Mikrometer dünnen H&E-Schnitt unter dem Mikroskop.
Und genau diese Verbindung finde ich großartig.
Denn manchmal ergibt ein histologischer Befund erst dann wirklich Sinn, wenn man weiß, wie die Hautveränderung vorher am Patienten ausgesehen hat.
Und umgekehrt erklärt der Blick durchs Mikroskop häufig, warum sich eine Erkrankung klinisch genau so präsentiert.
Und was war es nun?
Die Diagnose unseres kleinen Präparates lautete am Ende:
Lentigo solaris.
Also eine harmlose Pigmentverschiebung beziehungsweise Pigmentvermehrung, wie sie durch chronische UV-Einwirkung entstehen kann.
Mit anderen Worten:
Das Muttermal, das zunächst verdächtig genug aussah, um es herauszuschneiden, war unter dem Mikroskop erfreulicherweise harmlos.
Und genau deshalb machen wir den ganzen Aufwand.
Denn Haut kann uns klinisch sehr viel verraten.
Aber manchmal muss man sie eben erst in Formalin legen, tuschen, in kleine Stücke schneiden, entwässern, in Paraffin gießen, auf wenige Mikrometer herunterhobeln, rosa und blau färben und unter ein Mikroskop legen, bevor sie uns endgültig erzählt, was mit ihr los ist.
Fazit
- Aus einer kleinen Hautprobe wird Schritt für Schritt ein Präparat, das schließlich unters Mikroskop kommt.
- Nach einer Hautbiopsie oder Exzision wird das Gewebe in der Regel zunächst in Formalin fixiert.
- Im Labor wird das Präparat vermessen, beschrieben und gegebenenfalls an den Resektionsrändern farblich markiert.
- Anschließend wird es zugeschnitten und in Histokassetten eingelegt.
- Das Gewebe wird entwässert und in Paraffin eingebettet.
- Vom Paraffinblock werden wenige Mikrometer dünne Schnitte hergestellt.
- Die Standardfärbung ist die Hämatoxylin-Eosin-Färbung.
- Danach erfolgt die eigentliche mikroskopische Beurteilung.
- Falls notwendig, können zusätzliche immunhistochemische oder molekularpathologische Untersuchungen durchgeführt werden.
- Und aus einem unscheinbaren Stückchen Haut entsteht am Ende eine Diagnose.
Medizinisch aktualisiert: September 2026
Autorin: Prof. Dr. med. Maria Gaiser, Fachärztin für Dermatologie und Dermatopathologie
