Melanom in der Schwangerschaft: Wie groß ist das Risiko für das Kind?

Die Konstellation einer Schwangeren mit einer fortgeschrittenen malignen Erkrankung kommt glücklicherweise nicht sehr häufig vor. Wenn sie aber auftritt, ist sie eine herzzerreißende Herausforderung – sowohl für die betroffene Familie als auch für das behandelnde Team.

Neben der Sorge um die Mutter steht sofort eine zweite Frage im Raum:

Was bedeutet die Erkrankung für das ungeborene Kind?

Beim malignen Melanom ist diese Frage besonders relevant. Denn obwohl die Übertragung von Krebszellen von der Mutter auf das ungeborene Kind insgesamt extrem selten ist, gehört das Melanom zu den Tumorerkrankungen, bei denen eine solche transplazentare Übertragung am häufigsten beschrieben wurde.

Und genau aus dieser Frage entstand unsere CLAUDIUS-Studie Originalpublikation (EJC Skin Cancer)

Warum heißt die Studie eigentlich CLAUDIUS?

2019 behandelten wir in Mannheim eine Patientin, bei der kurz nach der Geburt ihres Sohnes ein weit fortgeschrittenes Melanom im Stadium IV diagnostiziert wurde.

Ihr Sohn hieß Claudius.

Die Situation war für alle Beteiligten außerordentlich belastend. Die Mutter war schwer krank und verstarb zehn Monate später an ihrer Erkrankung. Claudius selbst blieb glücklicherweise tumorfrei.

Aber damals stellte sich uns ganz konkret die Frage:

Wie groß ist das Risiko für dieses Kind wirklich?

Die Literatur half uns dabei erstaunlich wenig weiter.

Es gab zwar Berichte über eine Übertragung mütterlicher Melanomzellen auf die Plazenta und in seltenen Fällen auch auf das Kind. Ein Teil dieser Berichte stammte jedoch aus einer Zeit, in der weder molekulargenetische Untersuchungen noch moderne Bildgebung zur Verfügung standen.

Einige Fallberichte reichten viele Jahrzehnte zurück.

Wir wollten deshalb wissen, wie die Situation unter heutigen Bedingungen tatsächlich aussieht.

Aus dieser Fragestellung heraus habe ich die CLAUDIUS-Studie initiiert. Die wissenschaftliche Ausarbeitung und Erstautorenschaft übernahm meine damalige Doktorandin Svenja Vanessa Wiedemann.

Und weil diese Studie aus der Geschichte dieses einen Kindes heraus entstanden war, wollten wir sie nach ihm benennen.

Seine Mutter hat vor ihrem Tod ausdrücklich zugestimmt, dass wir den Namen ihres Sohnes für die Studie verwenden dürfen.

So wurde aus einer einzelnen, sehr persönlichen klinischen Situation die CLAUDIUS Study – Risk of materno-fetal transmission of melanoma cells in pregnant women with high grade melanoma.

Kann ein Melanom tatsächlich auf das ungeborene Kind übertragen werden?

Ja.

Aber: Es ist ausgesprochen selten.

Damit eine solche Übertragung überhaupt stattfinden kann, müssen mehrere Barrieren überwunden werden.

Tumorzellen müssen zunächst in die Plazenta gelangen. Von dort müssten sie die fetale Seite der Plazenta überwinden, in den kindlichen Kreislauf gelangen und anschließend vom Immunsystem des Kindes toleriert werden.

Das ist offensichtlich alles andere als einfach.

Genau deshalb ist eine Übertragung mütterlicher Tumorzellen trotz einer teilweise enormen Tumorlast der Mutter so selten. Auch andere Tumorerkrankungen wie Leukämien, Lymphome, Lungenkarzinome oder Zervixkarzinome können in extrem seltenen Fällen von der Mutter auf das Kind übertragen werden. Das Melanom scheint allerdings im Vergleich zu anderen Tumorarten eine besondere Fähigkeit zur Ausbreitung in Plazenta und Fetus zu besitzen.

Was wollten wir mit der CLAUDIUS-Studie herausfinden?

Das Ziel war eigentlich ganz pragmatisch.

Wir wollten endlich eine belastbarere Antwort auf die Frage geben können:

Wie groß ist das Risiko für ein Kind, dessen Mutter an einem fortgeschrittenen Melanom erkrankt ist?

Dazu kontaktierten wir insgesamt 105 dermatologische Kliniken und dermato-onkologische Praxen in Deutschland und Frankreich.

29 Zentren konnten schließlich detaillierte klinische Datensätze von 63 Patientinnen mit einem Melanom im Stadium III oder IV zur Verfügung stellen. Erfasst wurden Erkrankungen, die vor, während oder bis zu zwölf Monate nach einer Schwangerschaft diagnostiziert worden waren.

Insgesamt konnten wir die Daten von 67 lebend geborenen Kindern auswerten.

Und was kam heraus?

Das Ergebnis war zunächst einmal ausgesprochen beruhigend:

Bei keinem einzigen der 67 Kinder fanden wir Hinweise auf eine Übertragung des mütterlichen Melanoms.

Auch in keiner der untersuchten Plazenten wurden Melanommetastasen nachgewiesen.

Und das, obwohl ein erheblicher Teil der Mütter eine weit fortgeschrittene Erkrankung hatte.

Bei 45 Frauen waren Metastasen bekannt. Bei 15 Patientinnen fanden sich sogar größere Tumormanifestationen im Abdomen oder Becken – also in unmittelbarer Nähe des Uterus. Trotzdem zeigte keines der Kinder Hinweise auf eine transplazentare Metastasierung.

Das war für uns wahrscheinlich das wichtigste Ergebnis der gesamten Studie.

Denn bis dahin war das Risiko aufgrund der historischen Fallberichte eher überschätzt worden.

Aber es gibt tatsächlich dokumentierte Fälle

Parallel zu unseren eigenen Patientendaten haben wir deshalb die gesamte verfügbare Literatur noch einmal systematisch aufgearbeitet.

Und dabei fanden wir tatsächlich historische Fälle.

Im Zeitraum zwischen 1918 bis 2019 ließen sich 37 Fälle mit Melanommetastasen in der Plazenta und 14 Fälle mit einer Übertragung auf das Kind identifizieren. Sechs dieser Fälle überschnitten sich – hier waren sowohl Plazenta als auch Kind betroffen.

Bei den 14 Kindern mit tatsächlich nachgewiesener Übertragung war der Verlauf leider häufig dramatisch.

10 der 14 Kinder – also 71,4 % – starben an der Erkrankung.

Das zeigt sehr schön das eigentliche Problem:

Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung ist extrem niedrig.

Wenn sie aber tatsächlich stattfindet, kann sie für das Kind sehr gefährlich sein.

Plazentametastasen bedeuten nicht automatisch Metastasen beim Kind

Auch das ist eine wichtige Erkenntnis.

Selbst wenn Melanomzellen in der Plazenta nachgewiesen wurden, bedeutet das keineswegs automatisch, dass das Kind betroffen ist.

Von den 37 publizierten Fällen mit nachgewiesenen Melanommetastasen in der Plazenta war das Kind lediglich in 6 Fällen ebenfalls betroffen.

Das entspricht ungefähr 16 %.

Die Plazenta scheint also tatsächlich eine ziemlich effektive Barriere darzustellen.

Und ehrlich gesagt darf sie sich an dieser Stelle einmal kurz selbst auf die Schulter klopfen.

Gab es Hinweise darauf, welche Kinder besonders gefährdet sind?

Ein eindeutiges individuelles Risikoprofil konnten wir aufgrund der sehr kleinen Zahl tatsächlich betroffener Kinder nicht erstellen.

Auffällig war allerdings, dass Mütter der historisch beschriebenen betroffenen Kinder häufig eine sehr weit fortgeschrittene Erkrankung hatten und meist kurz nach der Geburt verstarben.

In unserer Analyse war ein früher Tod der Mutter nach der Entbindung mit einem ungünstigeren kindlichen Verlauf assoziiert. Vermutlich ist dies schlicht Ausdruck einer besonders hohen Tumorlast.

Auch ein möglicher Zusammenhang mit dem männlichen Geschlecht des Kindes wurde diskutiert. Die Fallzahlen waren jedoch viel zu klein, um daraus eine belastbare Aussage abzuleiten.

Etwas ausgesprochen Merkwürdiges fiel ebenfalls auf:

Bei mehreren betroffenen Kindern fanden sich die ersten Metastasen im Bereich von Kopf, Hals und insbesondere des Felsenbeins beziehungsweise Mastoids.

Warum ausgerechnet dort, wissen wir nicht.

Biologie erlaubt sich manchmal Dinge, für die sie keine vernünftige Erklärung mitliefert.

Was bedeutet das nun für eine schwangere Patientin mit Melanom?

Zunächst einmal:

Ein fortgeschrittenes Melanom der Mutter bedeutet keineswegs automatisch, dass das ungeborene Kind ebenfalls erkrankt.

Ganz im Gegenteil.

Unsere Daten sprechen dafür, dass die transplazentare Übertragung mütterlicher Melanomzellen extrem selten ist – wahrscheinlich noch deutlich seltener, als aufgrund älterer Fallberichte angenommen wurde.

Das ist eine wichtige Botschaft.

Gerade in einer Situation, in der für eine Patientin ohnehin die Welt zusammenbricht, sollte man nicht zusätzlich Ängste schüren, die durch die verfügbaren Daten nicht gerechtfertigt sind.

Gleichzeitig bedeutet „extrem selten“ eben nicht „unmöglich“.

Und deshalb sollte man aufmerksam bleiben.

Was sollte nach der Geburt untersucht werden?

Aus unseren Ergebnissen haben wir Empfehlungen für die Untersuchung der Plazenta und die Nachsorge der Kinder abgeleitet.

Bei Frauen mit fortgeschrittenem Melanom sollte die Plazenta sorgfältig makroskopisch und histologisch untersucht werden. Die Studie schlägt dabei auch immunhistochemische Untersuchungen mit geeigneten Melanommarkern vor.

Auch das Neugeborene sollte nach der Geburt sorgfältig untersucht werden.

Je nach Tumorstadium und Risikokonstellation können zusätzlich Sonographie, Laboruntersuchungen und weitere Bildgebung sinnvoll sein.

Für Kinder ohne Hinweis auf eine Übertragung empfehlen wir eine strukturierte Nachsorge über 24 Monate, da in den historischen Fällen kindliche Melanommetastasen spätestens innerhalb der ersten neun Lebensmonate aufgefallen waren.

Wie intensiv diese Nachsorge erfolgt, hängt allerdings vom individuellen Risiko ab.

Ein gesundes Kind einer Mutter ohne metastasierte Erkrankung ist natürlich eine völlig andere Situation als ein Kind einer Mutter mit massiver Tumorlast und nachgewiesenen Metastasen in der Plazenta.

Was sind die Grenzen unserer Studie?

Bei einem so seltenen Ereignis gibt es zwangsläufig Einschränkungen.

Auch unsere Studie kann keine exakte Prozentzahl nennen, mit der sich für jede einzelne Patientin das Übertragungsrisiko berechnen lässt.

Die Zahl der tatsächlich dokumentierten Übertragungsfälle ist schlicht zu klein.

Hinzu kommt, dass in unserer retrospektiven Kohorte nicht jede Plazenta systematisch untersucht wurde. Eine sorgfältige Plazentauntersuchung war nur bei 23 Fällen dokumentiert. Auch die Nachbeobachtung der Kinder war nicht in jedem Fall gleich lang oder gleich systematisch.

Und viele der historischen Vergleichsfälle stammen aus völlig anderen medizinischen Epochen.

Die Autoren weisen deshalb selbst darauf hin, dass fehlende Daten, die kleine Vergleichsgruppe und nicht durchgängig erfolgte systematische Nachsorge die Risikoabschätzung beeinflussen können.

Trotzdem handelt es sich um eine der größten systematischen Datensammlungen zu genau dieser seltenen Fragestellung.

Was bleibt von der CLAUDIUS-Studie?

Für mich vor allem eine sehr beruhigende Botschaft:

Die transplazentare Übertragung eines mütterlichen Melanoms auf das Kind ist möglich – aber ausgesprochen selten.

In unserer multizentrischen Kohorte mit 67 Kindern trat kein einziger Fall auf.

Gleichzeitig zeigen die historischen Fälle, dass eine Übertragung, wenn sie tatsächlich stattfindet, schwerwiegende Folgen haben kann.

Deshalb lautet die Konsequenz nicht:

„Wir müssen uns keine Gedanken machen.“

Sondern vielmehr:

Keine unnötige Angst – aber sorgfältige Diagnostik.

Die Plazenta sollte untersucht werden.

Das Kind sollte nach der Geburt klinisch beurteilt und bei entsprechender Risikokonstellation nachbeobachtet werden.

Und vor allem sollte eine betroffene Mutter auf Grundlage realer Daten beraten werden – und nicht aufgrund einzelner dramatischer Fallberichte aus den vergangenen hundert Jahren.

Genau dafür haben wir diese Studie gemacht.

Und deshalb trägt sie den Namen eines kleinen Jungen, mit dessen Geschichte alles begann:

CLAUDIUS.

Fazit

  • Eine Übertragung mütterlicher Melanomzellen auf das ungeborene Kind ist möglich, aber extrem selten.
  • In der CLAUDIUS-Studie wurden 67 lebend geborene Kinder von Frauen mit fortgeschrittenem Melanom untersucht. Bei keinem Kind wurde eine mütterliche Melanommetastase nachgewiesen.
  • In der historischen Literatur fanden sich 37 Fälle mit Plazentametastasen und 14 Fälle mit einer tatsächlichen Übertragung auf das Kind.
  • Eine Plazentametastase bedeutet nicht automatisch, dass auch das Kind betroffen ist.
  • Ist das Kind tatsächlich betroffen, kann die Erkrankung schwer verlaufen.
  • Bei fortgeschrittenem Melanom sollte die Plazenta nach der Geburt sorgfältig untersucht werden.
  • Abhängig von der Risikokonstellation sollte auch das Kind strukturiert nachkontrolliert werden.
  • Vor allem aber gilt: Die verfügbaren Daten dürfen betroffenen Müttern durchaus etwas Angst nehmen.

Medizinisch aktualisiert: September 2026
Autorin: Prof. Dr. med. Maria Gaiser, Fachärztin für Dermatologie

Publikation

Wiedemann SV, Müller V, Toth B et al.
CLAUDIUS Study: Risk of materno-fetal transmission of melanoma cells in pregnant women with high grade melanoma – A retrospective multicenter study and literature review. EJC Skin Cancer. 2023;1:100005. → Originalpublikation (EJC Skin Cancer)