
Ich bin ein Fleckentier. So hieß eines meiner Reels auf Instagram, und eigentlich beschreibt dieser Satz ziemlich gut, wie normale menschliche Haut aussieht. Viel UV-Licht in der Jugend, wilde Partys, hormonelle Umstellungen während mehrerer Schwangerschaften, wenig Schlaf und schlicht das Älterwerden – all das sieht man meiner Haut an. Und das ist auch richtig so, denn keine dieser Erfahrungen möchte ich missen.
Normale Haut hat Poren, kleine Gefäße, Pigmentflecken, Muttermale, Sommersprossen, Fältchen, gelegentlich einen Pickel und je nach Alter noch allerlei andere Dinge, die verhindern, dass sie aussieht wie eine frisch polierte Glasscheibe.
Und dann kam auf einmal Glass Skin.
Die Haut soll plötzlich porenlos, spiegelglatt, völlig ebenmäßig und so durchfeuchtet sein, dass sie beinahe durchsichtig wirkt. Gleichzeitig begegnen mir in den sozialen Medien aber Tan Lines, Sun Tattoos und neuerdings sogar „Tanmaxxing“: möglichst braun werden, idealerweise mit deutlich sichtbaren hellen Streifen dort, wo Bikini oder Badehose saßen.
Entschuldigung, aber: Was denn nun?
Soll die Haut vollkommen gleichmäßig sein oder sollen wir möglichst scharfe Farbgrenzen hineinbräunen?
Leute, entscheidet Euch doch mal.
Was ist eigentlich Glass Skin?
Der Begriff kommt aus der koreanischen Beauty-Welt und beschreibt Haut, die besonders glatt, klar, ebenmäßig und stark hydratisiert erscheint. Grundsätzlich ist daran überhaupt nichts Verwerfliches. Eine gut hydratisierte Haut mit intakter Hautbarriere sieht häufig tatsächlich glatter und praller aus.
Die äußerste Schicht unserer Epidermis, das Stratum corneum, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie sorgt unter anderem dafür, dass wir nicht unkontrolliert Wasser über die Haut verlieren. Wie gut sie das schafft, hängt von ihrer Struktur, den epidermalen Lipiden und wasserbindenden Substanzen ab. Hautfeuchtigkeit ist zudem keineswegs überall gleich: Selbst bei gesunden Erwachsenen unterscheiden sich verschiedene Körperregionen deutlich voneinander. (1, 2)
Also: Hautpflege, die die Hautbarriere erhält und ausreichend Feuchtigkeit zuführt? Hervorragende Idee.
Daraus folgt allerdings noch lange nicht, dass gesunde Haut aussehen muss wie Glas.
Poren sind kein Hautfehler
Besonders die sichtbaren Poren stören offenbar den Traum von der perfekten Glass Skin.
Dabei gehören Poren beziehungsweise die Öffnungen unserer Haarfollikel nun einmal zur Haut. Wie sichtbar sie sind, hängt unter anderem von der Talgproduktion, der Größe der Haarfollikel und der Elastizität des umgebenden Gewebes ab. Auch Akne und Alterungsprozesse können eine Rolle spielen. (3)
Man kann ihr Erscheinungsbild beeinflussen, aber man kann Poren nicht einfach ‚schließen‘. Und ganz ehrlich: Der soziale Abstand gebietet ohnehin, dass die meisten Menschen nicht so dicht vor Euch stehen wie Euer Badezimmerspiegel – der im Zweifel sogar noch eine Vergrößerungsfunktion hat.
Wenn ich Bilder mit vollkommen glatter, lichtreflektierender Gesichtshaut sehe, frage ich mich deshalb gelegentlich weniger nach der verwendeten Creme als nach Beleuchtung, Make-up, Kameraeinstellungen und digitaler Nachbearbeitung.
Das bedeutet nicht, dass jede schöne Haut im Internet gefiltert ist. Aber wir sollten vielleicht wieder lernen, den Unterschied zwischen einem ästhetischen Ideal und einem medizinischen Normalbefund zu erkennen.
TikTok erklärt uns jetzt die Haut
Dass das nicht ganz unwichtig ist, zeigt eine Untersuchung, die gerade beim Kongress der European Academy of Dermatology and Venereology 2026 vorgestellt wurde.
Die Wissenschaftler analysierten 38 besonders sichtbare TikTok-Videos zu Korean Skincare und Glass Skin. Fast 95 % enthielten mindestens eine potenziell irreführende Aussage. 84 % berücksichtigten unterschiedliche Hauttypen nicht, 45 % empfahlen umfangreiche Kombinationen aktiver Wirkstoffe ohne ausreichende Sicherheitshinweise und knapp ein Drittel versprach praktisch sofortige Resultate.
Von 38 Videos erwähnte gerade einmal eines das Risiko von Hautreizungen. Zwei sprachen über Sonnenschutz. Keines thematisierte das Risiko einer Kontaktdermatitis. (4)
38 Videos sind natürlich keine gigantische Datenbasis, und die Untersuchung wurde bislang als Kongressarbeit vorgestellt. Aber das Ergebnis passt erstaunlich gut zu dem, was man jeden Tag beobachten kann: Ein bisschen Niacinamid hier, Retinol dort, dazu Säuren, Vitamin C, Peptide, Reinigung in mehreren Stufen und sicherheitshalber noch eine Essenz, von der niemand so genau weiß, was sie eigentlich macht.
Am Ende besitzt man zwölf Fläschchen und eine beleidigte Hautbarriere.
Viel hilft nicht immer viel
Auch dafür gibt es inzwischen interessante Daten.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung an 408 Aknepatienten beschäftigte sich mit kosmetischem Konsum, der durch Social Media beeinflusst wurde. Bei Personen, die aufgrund sozialer Medien Kosmetika kauften, wurde deutlich häufiger eine geschädigte Hautbarriere festgestellt. Der Kauf social-media-getriebener Produkte war in der statistischen Analyse unabhängig mit Barriereschäden assoziiert. (5)
Es handelt sich dabei um eine Querschnittsstudie. Sie kann also keinen simplen Kausalzusammenhang im Sinne von „TikTok macht die Haut kaputt“ beweisen.
Trotzdem finde ich den Befund bemerkenswert.
Denn unsere Hautbarriere braucht nicht zwingend sieben Wirkstoffe morgens und neun abends. Bei manchen Menschen funktioniert eine umfangreiche Pflegeroutine wunderbar. Bei anderen produzieren zu viele aktive Inhaltsstoffe vor allem Brennen, Rötung, Schuppung und Irritationen.
Eine gesunde Hautbarriere ist ein vernünftiges Ziel.
Glass Skin ist ein Schönheitsideal.
Das ist nicht dasselbe.
Und auf der anderen Seite: Tan Lines
Jetzt wird es endgültig widersprüchlich.
Während wir also jeden Pigmentunterschied im Gesicht bekämpfen, sollen am Körper möglichst deutliche Bräunungslinien entstehen.
Tan Lines sind natürlich nichts Neues. Wer im Sommer draußen ist, kennt den Abdruck von T-Shirt, Uhr oder Bikini. Neu ist eher, dass solche Grenzen gezielt produziert und in sozialen Medien ästhetisiert werden.
2026 erschien sogar eine dermatologische Arbeit über sogenannte „Sun Tattoos“: gezielt erzeugte Muster und Bräunungs- beziehungsweise Sonnenbrandlinien durch partielle Abdeckung der Haut. Die Autoren weisen darauf hin, dass solche Muster sichtbare Folgen ungleichmäßiger UV-Exposition sind und insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen über soziale Medien verbreitet werden. (6)
Parallel wird inzwischen über „Tanmaxxing“ publiziert: einen Social-Media-Trend, bei dem gezielte UV-Exposition, wenig Sonnenschutz und teilweise sogar Bräunungsöle propagiert werden, um möglichst dunkel zu werden. (7)
Da hört bei mir als Dermatologin der Spaß dann doch irgendwann auf.
Es gibt keine gesunde Bräune!
Merkt Euch das endlich mal: Eine UV-induzierte Bräune ist keine „gesunde Farbe“, sondern eine Reaktion der Haut auf UV-Schädigung. Im Grunde ist die Bräune ein verzweifelter Versuch der Haut, die empfindliche genetische Information in den Zellkernen zu schützen.
Die WHO formuliert es entsprechend klar: Die zusätzliche Pigmentierung bietet nur einen begrenzten Schutz und verhindert langfristige Schäden keineswegs. (8)
UV-Strahlung verursacht DNA-Schäden, trägt zur Entstehung von Hautkrebs bei und fördert gleichzeitig Photoaging – also genau jene Veränderungen, die anschließend wieder mit Cremes, Seren, Peelings und Laserbehandlungen bekämpft werden: Pigmentunregelmäßigkeiten, Falten und Elastizitätsverlust.
Und genau hier wird die Kombination aus Glass Skin und Tan Lines für mich geradezu philosophisch.
Wir bestrahlen die Haut so lange, bis sie sichtbare Farbunterschiede entwickelt, und kaufen anschließend Produkte, damit sie wieder möglichst gleichmäßig aussieht.
Das ist zumindest ein bemerkenswertes Geschäftsmodell.
Aber ich möchte doch einfach braun sein
Natürlich darf jeder seine Haut schön finden, wie er möchte. Mir geht es nicht darum, ein ästhetisches Ideal durch ein anderes zu ersetzen.
Wer sich mit Selbstbräuner scharfe Tan Lines malt, darf meinetwegen aussehen wie ein Zebra. Aus dermatologischer Sicht ist gegen die künstliche Färbung wenig einzuwenden – abgesehen von möglichen Unverträglichkeiten.
Problematisch wird es dort, wo die gewünschte Optik durch gezielte UV-Schädigung erzeugt wird.
Und jetzt zurück zu meinem Fleckentier
Was mich an Glass Skin stört, ist nicht die Hautpflege. Mich stört der Maßstab dahinter.
Ich habe Pigmentunterschiede, Muttermale, kleine Gefäße, Poren und je nach Tagesform auch mal einen Pickel. Und das ist völlig normal.
Wir sollten dringend wieder lernen, Normalität und Natürlichkeit wertzuschätzen.
Nicht jede Pore muss kleiner, nicht jeder Fleck heller und nicht jede Falte glatter werden. Man kann Dinge behandeln, wenn sie wirklich stören oder medizinisch relevant sind. Aber dieses permanente Optimieren der eigenen Optik halte ich für problematisch. Irgendwann verschiebt sich der Maßstab so weit, dass ganz normale Haut plötzlich wie ein Makel wirkt.
Gerade bei Jugendlichen sehe ich darin ein echtes Problem. Wenn man täglich makellose Gesichter auf dem Bildschirm sieht, kann man leicht vergessen, dass echte Haut eben nicht aussieht wie ein Filter. Am Ende entsteht so schnell das Gefühl, mit der eigenen Haut stimme etwas nicht, nur weil „normal“ plötzlich nicht mehr als schön wahrgenommen wird.
Und vielleicht wäre es ganz gesund, wenn wir wieder etwas mehr Gelassenheit gegenüber unserem eigenen Spiegelbild entwickeln würden. Ich kann es an dieser Stelle nur noch einmal sagen: Kaum jemand steht so dicht vor Euch wie Euer eigener Spiegel!
Was wäre denn nun vernünftige Hautpflege?
Eigentlich erstaunlich unspektakulär. Wer dazu mehr lesen möchte, findet in meinen Beiträgen Weniger ist oft mehr – die beste Hautpflege und Peeling noch ein bisschen mehr dazu.
Im Alltag braucht die Haut meist gar nicht so viel: eine milde Reinigung, sofern sie überhaupt nötig ist, eine Pflege, die zum eigenen Hauttyp passt, bei Bedarf gezielte Wirkstoffe für ein konkretes Problem – und natürlich konsequenten Sonnenschutz.
Ich halte wenig davon, jedem neuen Serum oder jedem neuen Trend sofort hinterherzulaufen. Wer Spaß an einer aufwendigen Korean-Skincare-Routine hat, sie gut verträgt und sich damit wohlfühlt, soll das gerne machen. Wer mit zwei Produkten bestens zurechtkommt, genauso.
Problematisch wird es aus meiner Sicht erst dann, wenn Hautpflege zu einem permanenten Optimierungsprojekt wird und man irgendwann mehr vermeintliche Makel sucht als sich über gesunde Haut freut. Und besonders absurd finde ich es, die Haut erst durch UV-Strahlung zu schädigen und anschließend viel Geld dafür auszugeben, genau diese Schäden wieder loszuwerden.
Glass Skin oder Tan Lines?
Damit komme ich zurück zu meiner Ausgangsfrage: Was denn nun?
Auf der einen Seite feiern soziale Medien eine möglichst gleichmäßige, glatte und reflektierende Glass Skin. Auf der anderen Seite werden gezielt möglichst deutliche Bräunungslinien produziert.
Das eine Ideal verlangt, dass alles möglichst ebenmäßig und gleich erscheint, während das andere gerade vom Kontrast lebt.
Vielleicht sollten wir uns einfach wieder daran erinnern, dass Haut kein Modeaccessoire ist, an dem ständig noch irgendetwas optimiert werden muss: glatter, brauner, heller, ebenmäßiger, straffer, porenloser …
Oder wollt Ihr demnächst noch die Falten aus dem Gehirn rausbügeln?
Die Haut ist ein Organ. Sie darf Poren haben, ungleichmäßig pigmentiert sein, Fältchen entwickeln und sich im Laufe eines Lebens verändern.
Und wenn Ihr unbedingt Tan Lines haben wollt: nehmt Selbstbräuner. Ich bleibe derweil ein Fleckentier und bin völlig zufrieden mit mir.
Medizinisch aktualisiert: Oktober 2026
Autorin: Prof. Dr. med. Maria Gaiser, Fachärztin für Dermatologie
Quellen
- Hadi H et al. Stratum corneum hydration in healthy adult humans according to the skin area, age and sex: a systematic review and meta-analysis. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2022. PubMed
- Boer M et al. Structural and biophysical characteristics of human skin in maintaining proper epidermal barrier function. Postepy Dermatol Alergol. 2016;33:1–5. PubMed
- Lee SJ et al. Facial Pores: Definition, Causes, and Treatment Options. Dermatol Surg. 2016;42:277–285. PubMed
- Paysano ML et al. Analysis of Korean skincare and „glass skin“ content on TikTok. Presented at the EADV Congress 2026. EurekAlert!
- Şen O, Avcı A. Association of Social Media-Driven Cosmetic Consumption With Skin Barrier Damage, Delayed Medical Consultation, and Disease Severity in Acne Vulgaris. J Cosmet Dermatol. 2026;25:e71020. PubMed
- Haykal D, Dréno B, Passeron T. Sun Tattoos and Social Media: A Behavioral Dermatology Perspective on Emerging Photodamage Trends. Dermatol Ther (Heidelb). 2026;16:1451–1454. PubMed
- Fleshner L et al. Ethical implications of „tanmaxxing“ promotion on social media. Clin Dermatol. 2026. Online ahead of print. PubMed
- World Health Organization. Radiation: Protecting against skin cancer; The known health effects of ultraviolet radiation. Updated 2024. Weltgesundheitsorganisation
