Linkshänder – anders verdrahtet oder einfach nur andersrum?
Ich bin Linkshänderin. Schon immer. Und offenbar ist das bei uns eine Art Familienerbstück. Mein Opa war Linkshänder, meine Mutter ist Linkshänderin, meine Schwester ebenfalls und einer meiner Neffen auch. Bei uns könnte man also fast meinen, die linke Hand werde dominant vererbt.
Interessanterweise ist trotzdem keines meiner drei Kinder linkshändig. Und das, obwohl auch auf der anderen Seite der Familie einiges an Linkshändigkeit zusammenkommt: Meine Schwiegermutter ist Linkshänderin, mein Schwiegervater ist beidhändig und kann beide Hände ziemlich gleichwertig benutzen. Eigentlich hätten die Kinder statistisch also beste Voraussetzungen gehabt. Das hat die Genetik jedoch herzlich wenig interessiert.
Händigkeit wird eben nicht nach einem einfachen mendelschen Erbgang weitergegeben. Es gibt nicht „das Linkshänder-Gen“. Viele genetische Varianten tragen jeweils ein wenig dazu bei; die Erblichkeit wird insgesamt auf ungefähr 25 % geschätzt. (1)
Mit der linken Hand schreibt man nicht!
Dass Linkshändigkeit früher trotzdem gerne als etwas betrachtet wurde, das man einem Kind besser abgewöhnt, habe ich selbst noch erlebt. In der Grundschule hatte ich eine sehr alte Lehrerin, die mich zwang, mit rechts zu schreiben. Sobald sie mir den Rücken zukehrte, nahm ich den Stift schnell wieder in die linke Hand. Nicht aus Rebellion, sondern weil ich damit schlicht besser schreiben konnte.
Damals verstand ich noch nicht so recht, was eigentlich los war. Ich wusste nur, dass ich ziemlich stinkig war, als sie mich einmal beim Schreiben mit links erwischte und mir einen Klaps auf die Finger gab. Nach einem Gespräch mit meinen Eltern durfte ich schließlich mit meiner „bösen“ linken Hand weiterschreiben.
Schreiben mit links ist nämlich lästig. Unsere Schrift läuft von links nach rechts. Wer mit rechts schreibt, zieht den Stift hinter der Hand her. Wir schieben ihn dagegen vor uns her. Mit Füller und Tinte liegt die frisch geschriebene Zeile damit genau dort, wo anschließend die Hand entlangwandert.
Also verwischt man alles – oder knickt die Hand in eine anatomisch eher fragwürdige Position und schreibt von oben um das Geschriebene herum.
Ich habe mich für eine vierte Möglichkeit entschieden: Ich schreibe möglichst wenig mit der Hand.
Sind Linkshänder schlauer?
Angeblich sind wir dafür schlauer.
Leider muss ich meine linkshändige Community an dieser Stelle enttäuschen. Schaut man sich die wissenschaftlichen Daten an, bleibt von diesem schönen Gerücht wenig übrig. Metaanalysen finden zwischen Links- und Rechtshändern keine relevanten Unterschiede in der allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit. (2)
Also nein: Linkshändigkeit ist leider kein kostenloses Upgrade des IQ.
Immerhin befinden wir uns in teilweise prominenter Gesellschaft. Auffällig viele amerikanische Präsidenten waren Linkshänder. Dazu zählen Gerald Ford, George H. W. Bush, Bill Clinton und Barack Obama. Ronald Reagan soll ursprünglich ebenfalls Linkshänder gewesen sein und wurde vermutlich auf die rechte Hand umtrainiert. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren sechs von 13 US-Präsidenten linkshändig oder wurden entsprechend beschrieben. Bei einem Bevölkerungsanteil von ungefähr zehn Prozent ist das zumindest eine nette statistische Kuriosität. Einen Beweis dafür, dass Linkshändigkeit bei einer politischen Karriere hilft, liefert sie natürlich nicht. (12)
Und wie sieht es mit der Kreativität aus?
Mit der Kreativität sieht es ähnlich aus. Auch hier hält sich hartnäckig die Vorstellung, Linkshänder seien besonders kreativ, künstlerisch oder unkonventionell. Das gefällt mir persönlich natürlich ausgesprochen gut. Nur ist die Datenlage weniger romantisch. Eine aktuelle Übersichtsarbeit mit Metaanalysen fand keinen generellen Kreativitätsvorteil für Links- oder Beidhänder. (3)
Trotzdem habe ich häufig den Eindruck, Probleme etwas anders anzugehen als andere Menschen. Ob das mit meiner Händigkeit zu tun hat oder schlicht damit, dass Menschen unterschiedlich denken, weiß ich nicht.
Und dann wären da noch meine Zahlen.
Meine 5 ist immer blau. Die 3 ist gelb. Die 4 manchmal rot. Die restlichen Zahlen haben keine Farbe. Schade eigentlich, denn vielleicht wäre ich sonst besser in Mathe.
Für dieses Phänomen gibt es tatsächlich einen Namen: Graphem-Farb-Synästhesie. Dabei lösen Buchstaben oder Zahlen automatisch bestimmte Farbeindrücke aus. Die Zuordnungen sind individuell. Die 5 eines anderen Menschen muss also keineswegs blau sein – obwohl sie das selbstverständlich sein sollte. Mit Linkshändigkeit lässt sich meine persönliche Zahlen-Farbwelt bislang allerdings nicht überzeugend erklären. (4)
Kleine Hindernisse im Alltag
Ein handfesteres Problem zeigt sich beim Essen. Wenn möglich, setze ich mich links neben eine andere Person oder direkt ans linke Tischende. Sonst geraten mein linker und der rechte Ellbogen meines Sitznachbarn ständig aneinander.
Und dann wären da noch Scheren, Dosenöffner oder Kartoffelschäler für Rechtshänder.
Ebenfalls hinderlich habe ich meine Händigkeit bei ersten Golfversuchen während meiner Zeit in den USA erlebt. Ich dachte damals, ich könnte es ja einmal mit diesem Sport versuchen. Für rechtshändige Frauen gab es selbstverständlich Schlägersets. Für linkshändige Frauen? Fehlanzeige. Zumindest dort, wo ich suchte. Also spielte ich kurzerhand rechts.
Das Ergebnis war erwartbar: Mein Golfspiel blieb grottenschlecht.
Ob das ausschließlich daran lag, dass ich mit der falschen Seite spielte, möchte ich an dieser Stelle allerdings ausdrücklich offenlassen. Ich habe es seither nie wieder versucht.
Wie häufig ist Linkshändigkeit?
Ungefähr jeder zehnte Mensch ist linkshändig. Eine große Metaanalyse kam auf einen besten Schätzwert von 10,6 %. Je nachdem, wie streng Linkshändigkeit definiert wird, schwanken die Zahlen etwas. Rechtshändigkeit ist beim Menschen also ganz klar die Regel – Linkshändigkeit aber kein exotischer Sonderfall, sondern eine normale Variante menschlicher Lateralisierung. (5)
Die Händigkeit beginnt sich früh zu entwickeln. Schon bei kleinen Kindern lassen sich Präferenzen beobachten. Manche zeigen bereits mit drei Jahren eine klare Richtung, bei anderen wird sie erst später zuverlässig; im Schulalter ist sie meist deutlich. (6)
Was ich besonders interessant finde: Menschen sind bei der Händigkeit ungewöhnlich.
Auch Affen haben Lieblingshände. Exakt 50 % links und 50 % rechts stimmt aber nicht. Bei Schimpansen und Bonobos wurden für bestimmte Aufgaben durchaus Gruppenpräferenzen zugunsten der rechten Hand gefunden. Was uns Menschen auszeichnet, ist die enorme Stärke der Verschiebung: ungefähr neun Rechtshänder auf einen Linkshänder. (7)
Und dieses Muster ist uralt.
Natürlich können wir einen Menschen von vor 500.000 Jahren nicht mehr fragen, mit welcher Hand er sein Werkzeug hielt. Aber Hinweise auf Händigkeit finden sich an Werkzeugen, Schnittspuren und sogar an Zähnen.
Besonders faszinierend finde ich die feinen Kratzspuren auf den Vorderzähnen früher Menschen und Neandertaler. Offenbar wurde Material mit einer Hand vor dem Mund gehalten und mit der anderen mithilfe eines Steinwerkzeugs bearbeitet. Rutschte das Werkzeug ab, hinterließ es charakteristische Spuren. Aus deren Richtung lässt sich rekonstruieren, welche Hand wahrscheinlich das Werkzeug führte.
Solche Befunde sprechen dafür, dass die Dominanz der rechten Hand in unserer Entwicklungslinie mindestens seit Hunderttausenden von Jahren existiert. Frayer und Kollegen beschrieben Hinweise auf überwiegende Rechtshändigkeit bereits vor mehr als 500.000 Jahren. (8)
Was passiert im Gehirn?
Und damit landen wir beim Gehirn.
Hier wird es häufig falsch erzählt.
Die rechte Körperhälfte wird motorisch überwiegend von der linken Gehirnhälfte gesteuert und die linke von der rechten. Daraus entstand die populäre Vorstellung: Rechtshänder = linkshirnig, Linkshänder = rechtshirnig. Links logisch, rechts kreativ – und schon waren wir Linkshänder angeblich die freigeistigen Künstler unter den Menschen.
So funktioniert das Gehirn nicht.
Komplexe Fähigkeiten entstehen durch Netzwerke beider Hirnhälften. Lateralisierung bedeutet nicht, dass eine Hirnhälfte arbeitet und die andere Pause macht. Besonders interessant ist die Sprache: Bei der großen Mehrheit der Menschen sind zentrale Sprachfunktionen stärker links lateralisiert – auch bei Linkshändern.
Eine Untersuchung an 326 gesunden Personen zeigte: Je ausgeprägter die Linkshändigkeit war, desto häufiger fand sich eine rechtshemisphärische Sprachdominanz. Bei starken Rechtshändern lag sie bei etwa 4 %, bei ausgeprägten Linkshändern bei etwa 27 %. Umgekehrt bedeutet das eben auch: Die Mehrheit der Linkshänder verarbeitet Sprache überwiegend links. (9)
Linkshändigkeit ist also nicht einfach die spiegelverkehrte Version von Rechtshändigkeit.
Warum Linkshänder in Studien oft fehlen
Genau das macht uns für die Neurowissenschaften manchmal unbequem.
Denn bei bildgebenden Studien sind individuelle Unterschiede statistisch lästig. Je ähnlicher die Versuchspersonen sind, desto leichter lassen sich klare Aktivierungsmuster finden. Deshalb wurden Linkshänder in vielen neuropsychologischen, sprachwissenschaftlichen und bildgebenden Studien ausgeschlossen.
Eine Analyse von mehr als 1.000 Neuroimaging-Studien mit Daten von über 30.000 Versuchspersonen zeigte, dass lediglich ungefähr 3–4 % der eingeschlossenen Personen nicht rechtshändig waren. Erwartet hätte man aufgrund der Bevölkerung eher rund 10 %. (10)
Methodisch ist das nachvollziehbar: Weniger biologische Varianz kann ein saubereres statistisches Signal liefern.
Das Problem ist nur: Der Mensch ist biologisch variabel.
Wenn ich diese Variabilität systematisch aus meiner Studie entferne, wird meine Stichprobe zwar homogener – aber eben auch weniger repräsentativ. Die Daten beantworten dann streng genommen nicht mehr die Frage „Wie funktioniert das menschliche Gehirn?“, sondern eher „Wie funktioniert das Gehirn dieser sorgfältig ausgewählten Gruppe rechtshändiger Menschen?“.
Meinen früheren Vorwurf, dies sei eine „bewusste Verfälschung der Realität“, würde ich deshalb heute etwas anders formulieren. Verfälschung ist ein großes Wort. Aber es ist eine bewusste Homogenisierung der untersuchten Population – und die hat einen Preis. Linkshänder machen etwa ein Zehntel der Menschheit aus. Wer uns konsequent aus Studien entfernt, erhält möglicherweise schönere Daten, aber kein vollständiges Bild menschlicher Vielfalt.
Leben Linkshänder wirklich kürzer?
Bleibt noch ein anderes Gerücht: Linkshänder würden früher sterben.
Auch dieses Gerücht war hartnäckig. In den 1980er- und 1990er-Jahren sorgten Studien für Aufsehen, nach denen Linkshänder mehrere Jahre kürzer lebten. Als Erklärung wurden mehr Unfälle in einer für Rechtshänder gebauten Welt diskutiert.
Klingt spektakulär. Stimmt aber sehr wahrscheinlich nicht.
Das Problem lag vor allem in einem historischen Effekt. Ältere Menschen waren in Generationen aufgewachsen, in denen Linkshändigkeit wesentlich häufiger unterdrückt und umtrainiert wurde. Betrachtete man alte Menschen, fand man deshalb scheinbar weniger Linkshänder. Daraus zu schließen, diese seien vorher gestorben, war verführerisch – aber falsch. Heute gilt die Behauptung einer deutlich verkürzten Lebenserwartung durch Linkshändigkeit als klassischer Mythos. (11)
Das mit der besonderen Risikobereitschaft können wir also ebenfalls nicht als Erklärung für unseren angeblich frühen Tod heranziehen.
Schade. Ein bisschen verwegen hätte mir gefallen.
Was bleibt?
Wir sind nicht schlauer. Wahrscheinlich auch nicht kreativer. Wir sterben nicht automatisch früher. Unsere rechte Hirnhälfte übernimmt nicht pauschal die Regie. Dafür sind wir eine ziemlich stabile Minderheit von ungefähr zehn Prozent der Menschheit, deren besondere Form der Lateralisierung vermutlich sehr weit in die Evolution unserer Gattung zurückreicht.
Und wir erinnern ziemlich schön daran, dass „normal“ in der Medizin und in der Wissenschaft nicht zwangsläufig „alle gleich“ bedeutet.
Normalität kann auch heißen, dass es mehrere Varianten gibt.
Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich muss mir einen Kartoffelschäler für Linkshänder bestellen.
Echt wahr.
Medizinisch aktualisiert: September 2026
Autorin: Prof. Dr. med. Maria Gaiser, Fachärztin für Dermatologie
Quellen
- Cuellar-Partida G et al. Genome-wide association study identifies 48 common genetic variants associated with handedness. Nat Hum Behav. 2021;5(1):59–70.
- Papadatou-Pastou M. Handedness and cognitive ability: Using meta-analysis to make sense of the data. Prog Brain Res. 2018;238:179–206.
- Morgan O et al. Handedness and creativity: Facts and fictions. Psychon Bull Rev. 2025;32(6):2472–2506.
- Asano M, Yokosawa K. Grapheme learning and grapheme-color synesthesia: toward a comprehensive model of grapheme-color association. Front Hum Neurosci. 2013;7:757.
- Papadatou-Pastou M et al. Human handedness: A meta-analysis. Psychol Bull. 2020;146(6):481–524.
- Scharoun SM, Bryden PJ. Hand preference, performance abilities, and hand selection in children. Front Psychol. 2014;5:82.
- Hopkins WD. Comparing human and nonhuman primate handedness: challenges and a modest proposal for consensus. Dev Psychobiol. 2013;55(6):621–636.
- Frayer DW et al. More than 500,000 years of right-handedness in Europe. Laterality. 2012;17(1):51–69.
- Knecht S et al. Handedness and hemispheric language dominance in healthy humans. Brain. 2000;123(Pt 12):2512–2518.
- Bailey LM et al. A sinister subject: Quantifying handedness-based recruitment biases in current neuroimaging research. Eur J Neurosci. 2020;51(7):1642–1656.
- McManus C. Half a century of handedness research: Myths, truths; fictions, facts; backwards, but mostly forwards. Brain Neurosci Adv. 2019;3:2398212818820513.
- Pruitt S. The First Left-Handed President Was Ambidextrous and Multilingual. HISTORY. Published 2018; updated 2025.
